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Gröna

Pfarrort. Kr. Bernburg (13)

Was im Kirchenbuch der Marien-Kirche zu Bernburg vom Jahre 1738 steht, ist auch im Anh. Bernburger Wöchentl, Anzeiger von 1797, Seite 245, gedruckt zu lesen:


Süden
Norden

"Die hell und durch dringende Glocke zu Gröna, welche vor Alters auf dem Turm der alten Kirche nicht weit von den Steinbrüchen gehangen, wird für die aller älteste in ganz Anhalt gehalten. Sie soll im Jahre 965 sein gegossen worden". Dazu kam die Nachricht, daß "die Entzifferung der mystischen Zeichen auf den Glocken mehrfach vergeblich versucht worden sei", so mußte die Erwartung bezüglich der Besichtigung dieser Glocken begreiflicherweise eine hochgespannte sein.

Den erweckten Erwartungen entspricht der tatsächliche Befund freilich insofern nicht, als es ausgeschlossen ist, daß eine der beiden großen Glocken, die allerdings ohne Angabe des Jahres und zweifellos von hohem Alter, dazu wahre Meisterwerke sind, vom Jahre 965 sein könnte, ganz abgesehen von allem anderen spricht schon die Größe der Glocken dagegen.

Richtig ist, daß die beiden großen Glocken aus dem Kirchturm des im Jahre 1644 durch Gallas zerstörten Kirchdorfes Gröna in die St. Petri-Kirche des seit 1674 besiedelten Schlewipp-Gröna überführt worden sind. In den ältesten Kirchenrechnungen des alten Kirchdorfs von 1547 werden zwei Glocken angegeben. Damit ist jedoch das Rätsel des Alters und der Herkunft der Glocken keineswegs gelöst, denn die Glocken sind so alt, daß sie aus einer weit früheren Zeit stammen, als der Ort Gröna, geschweige denn dessen Kirche urkundlich bezeugt sind. Die Kirche zu Gröna wird erst Ende des 14. Jahrhunderts erwähnt. Woher also stammen ursprünglich die Glocken?

Es ist eine sehr wertvolle Tatsache und war ein beglückender Fund, daß wenigstens eine der Glocken, die zweite, über ihre Herkunft Auskunft selbst gibt.

Unter den bildlichen Darstellungen nämlich, mit denen die zweite Glocke geschmückt ist, wollte die Entzifferung der einen (No. 2) durchaus nicht gelingen: in einem herzförmigen Schilde sieht man auf Gezweig zwei Vögel sitzen, welche einander die Köpfe zuwenden und zwischen sich einen Gegenstand, wie es scheint eine Sonne oder einen Stern, halten.

Wappen

Was soll das bedeuten? Eine glückliche Eingebung lenkte beim Durchforschen des Codex Dipl. Anh. das Auge auf folgende Anmerkung unter einer Urkunde: Datum Pole anno Domini 1297 Original im Staatsarchiv zu Magdeburg mit den an Pergamentbändern hängenden wohlerhaltenen Siegeln der Aussteller: ein herzförmiger Schild mit einem nach rechts gewendeten Strauße, der einen gekrümmten Gegenstand im Schnabel hält, daneben die Legende Heureca! gefunden! Das rätselhafte Bild auf der Grönaer Glocke ist das v. Struzsche Wappen: zwei einander zugekehrte Strauße.

Die Familie aber derer v. Struz oder Strauß hatte zum Stammsitz das Schloß Pole oder Pfuhle, an das noch in der Nähe von Gröna der sogenannte "Pfuhlsche Busch, die Pfuhlsche Burg" erinnert. Die Herren von Struz auf, Pole werden urkundlich genannt von 1162-1290, der Codex Dipl. Anhalt führt eine ganze Reihe von ihnen gemachter Schenkungen und Stiftungen an. Auch diese Glocke in Gröna mit dem Wappen derer v. Struz ist offenbar eine solche, von einem dieses Geschlechtes in der Zeit von 1162 bis 1290 gemachte Widmung. Selbst auf die Frage, von welchem Familienglied sie gestiftet sei, gibt die Glocke Auskunft durch ein anderes der ihr aufgegossenen Rundbilder. Dasselbe enthält nämlich ein Reitersiegel, das eine Reitergestalt und über derselben die Buchstaben zeigt, offenbar die Anfangsbuchstaben des Namens Theodericus. Ein Theodericus de Pole aber wird urkundlich erwähnt 1212-1224, ein anderer 1247. Die Wahrscheinlichkeit spricht mehr für den ersteren, der im Jahre 1212 mit seinem Bruder Hinricus zusammen für die Seelen seines Vaters und seiner Mutter an das Hospital zu Hedersleben, eine Schenkung gemacht hat.

Die Glocke wird also wohl aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts herrühren. Dieser Anhalt für die Altersbestimmung dieser Glocke ist um so wertvoller, als er auch für andere Glocken mit dient, welche mit dieser in Form und Ausstattung so sehr übereinstimmen, daß ihre gemeinsame Herkunft von einem Meister und aus annähernd gleicher Zeit außer Frage steht; es sind dies die Glocken zu Reinsdorf und Warmsdorf, auch diejenigen zu Merzien und Nienburg und Großsmühlingen (Schloß).

Die Frage freilich bleibt ungelöst, wo die Glocken ursprünglich gehangen haben, ob Schloß Pole selbst oder der Ort Gröna wirklich eine so alte Kirche gehabt hat, der die Glocken angehört haben, oder ob dieselben in der Kirche eines der wüstgewordenen Dörfer der nächsten Umgebung ihre ursprüngliche Stätte gehabt haben?

Die Glocken im Herzogtum Anhalt
von Friedrich Winfried Schubart
Dessau 1896
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